Nachgedacht - August/September 2017

„Diese Weite. Diese unendliche Weite.“ Am Ende eines Films sitzen zwei alte Männer auf einer Bank, die auf einem Deich steht, und schauen über das Meer. Diese Weite, die irgendwo hinter dem Horizont verschwindet.

Die Sätze aus einem längst vergessenen Film fielen mir ein, als ich Anfang Juni in Cuxhaven auf einem Deich stand und über die Nordsee schaute. Als einzige Begrenzung vor dem Horizont nur die Insel Neuwerk, die Cuxhaven vorgelagert ist. Ansonsten: Wind, Wellen, Weite und viele Menschen, die es genießen, am Meer sein zu können. Meine Eltern sind mit uns in den Schulferien an die Nordsee gefahren. Sommer, Sonne, Meer – so hieß nach dem ersten Urlaub dort der Dreiklang, von dem ich ab da träumte. Auch, wenn wir nach diesen ersten Ferien am Meer als Familie nur noch selten dorthin gefahren sind. Aber immer wieder zieht es mich seitdem an das Meer. Besonders die Nordsee hat es mir angetan. Der Wechsel zwischen Ebbe und Flut, die Vielfalt des Lebens, die es in diesem Lebensraum gibt. Tiere und auch Menschen, die sich an eine oft karge und raue Umgebung so angepasst haben, dass sie dort leben können. Schiffe, voll beladen mit Containern, die sich langsam Richtung Elbmündung schieben. Oder die von dort kommen, auf das Meer hinausfahren und langsam am Horizont verschwinden. Wer diese Sehnsucht spürt, den stören auch Regentage nicht. Es ist schön auf einem Deich zu stehen und zuzusehen, wie aus dem Dunst langsam die Insel Neuwerk sichtbar wird. Ich habe dann immer das Gefühl, dass der Horizont sich öffnet. Ein Vorhang geht hoch und das ganze Bild wird sichtbar. „Diese Weite. Diese unendliche Weite“ eben. Das Durchatmen fällt auf einmal leichter. In Psalm 31 sagt der Beter: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ein Blick über das Meer macht für mich diesen weiten Raum erfahrbar.

Stefan Hirschberg